Der Zustand der geschlechtersensiblen Lehre in Deutschland.

Geschlechtersensible Lehre - immer noch exklusiv für wenige Studierende und Auszubildende in Deutschland!

Geschlechterspezifische Lehre in DeutschlandDas vom Bundesministerium für Gesundheit finanzierte Forschungsprojekt „Genderwissen in der Ausbildung von Gesundheitsberufen (GewiAG)“ zeigt den aktuellen Stand der Integration von Geschlechterwissen und geschlechtersensiblen Lehr- und Lerninhalten und der Diversitätsaspekte in die Lehrpläne und Curricula der drei größten Gesundheitsberufe: Humanmedizin, Gesundheits- und Krankenpflege und Physiotherapie.

Die Datenerhebung erfolgte als online Umfrage gerichtet an 35 % aller Schulleiter*innen der Ausbildungsstätten in Deutschland, randomisiert nach Einwohnerzahl des Bundeslandes, und an alle Studiendekan*innen der humanmedizinischen Universitäten. Die Rücklaufquote betrug 75,6 % für die medizinischen Fakultäten, 52,5 % für die Gesundheits- und Krankenpflege- und 54,6 % für die Physiotherapieschulen.

Das Bewusstsein geschlechterspezifische und weitere Diversitätsaspekte bei der Versorgung der Bevölkerung zu berücksichtigen ist hoch.

Ausgezahlt haben sich die Anstrengungen der letzten Jahre, um eine Aufmerksamkeit für die Implementierung geschlechtersensibler Aspekte in die Curricula zu erreichen. Regelstudiengänge wurden in Modellstudiengänge weiterentwickelt. Forschungsförderung verstärkt durch Formulierungen in den Ausschreibungstexten mit klarer Aufforderung die Geschlechterunterschiede zu beachten. Das Bewusstsein der Tätigen im Gesundheitswesen wurde durch zahlreiche Vorträge auf Kongressen und Review Publikationen zu biologischen und soziokulturellen Unterschieden unter Berücksichtigung der Diversitätsaspekte in Prävention, Diagnostik und Therapie aller Fachrichtungen geschärft. Artikel in der Tagespresse adressierten die Bevölkerung.

Das Relevanzempfinden von Geschlechtersensibilität und Geschlechterwissen für die spätere Tätigkeit wurde von > 92% der befragten Studiendekan*innen und gleichermaßen den Schulleiter*innen mit „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ angegeben. Die Frage nach der Relevanz der Diversitätsaspekte für die berufliche Tätigkeit wurde mit > 96 % genau so eindeutig beantwortet.

Auch wenn es zu erwarten ist, dass die systematische Verankerung der geschlechtersensiblen Lehre an jeder einzelnen Fakultät und Ausbildungsstätte sehr viel länger braucht, als das Relevanzbewusstsein, so kann man dennoch ungeduldig werden.

Das curriculare Integrationsniveau wurde ermittelt, um eine systematische Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Berufsgruppen herzustellen, als auch eine Basis zu schaffen für spätere Erhebungen. Folgende Parameter sind der Berechnung zu Grunde gelegt worden:

  • 1. Integration von Lehrinhalten zu Geschlechterunterschieden in Rahmenlehrpläne und Unterrichtsfelder
  • 2. Menge an Veranstaltungen mit und ohne ausschließlichem Fokus auf die Geschlechteraspekte und mit und ohne Prüfungsrelevanz und
  • 3. Zeitraum über den die Inhalte in die Lehre integriert sind.


Zwischen 56 % und 70 % der medizinischen Fakultäten und Ausbildungsstätten bieten Geschlechter- und Diversitätsaspekte in einzelnen Lehrveranstaltungen an. Es ist davon auszugehen, dass dieses unterste curriculare Integrationsniveau nicht ausreicht, um Auszubildenden und Studierenden Handlungskompetenzen zu vermitteln, die ihnen ermöglichen die Geschlechterunterschiede zu erkennen und diese im Praxisalltag so zu verwenden, dass eine adäquate Handlung daraus folgt.

Fordert man eine vollständige Integration der Geschlechteraspekte mit Geschlecht als eigenem Fokus in mehreren Lehrveranstaltungen longitudinal über das gesamte Curriculum implementiert und mit Prüfungsrelevanz, liegen die medizinischen Fakultäten mit 3,7 % sogar hinter den Ausbildungsstätten zurück mit 4,8 % der Gesundheits- und Krankenpflegeschulen und 6,4 % der Physiotherapieschulen.

Verantwortliche Strukturen für die nachhaltige Integration von geschlechtersensibler Lehre sind an einem Drittel der medizinischen Fakultäten vorhanden.

Die Daten zeigen, dass die meisten Strukturen zur Unterstützung der Implementierung in die Lehre von den medizinischen Fakultäten geschaffen wurden im Vergleich zu den Trägern der Schulen für die Ausbildungsberufe. Die Studiendekan*innen sehen die Verantwortung für die nachhaltige Integration bei den Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, der Curriculumskommission, den hauptamtlich Beauftragten (wenn vorhanden) und den Dozent*innen gleichermaßen. Diese Sichtweise unterscheidet sich von den Schulleiter*innen der Ausbildungsstätten, hier wird die Verantwortung fast ausschließlich bei den Fachlehrer*innen gesehen.

Auf die Frage „Gibt es an Ihrer Fakultät verantwortliche Gremien oder Einrichtungen, welche die Kontinuität der Integration von Geschlechteraspekten in das Curriculum sichern“, haben 68 % der Studiendekan*innen mit „nein“ geantwortet. Das bedeutet, auch wenn die genannten Strukturen teilweise vorhanden sind, so werden diese nicht genutzt, um die geschlechtersensiblen Lehrinhalte zu vertreten und damit in die Lehre einzubringen.

Die Daten zeigen u.a. wie wichtig die Rolle der Lehrenden ist und somit die Organisation der eigenverantwortlichen Fortbildung zu Geschlechterunterschieden und Diversitätsaspekten. Diese Aufgabe allein den Fachdisziplin zu überlassen im Sinne eines ausschließlichen Querschnittsfaches, ist nach Meinung der Autorin nicht schnell genug zielführend. Hier braucht es übergeordnete Strukturen wie Lehrstühle für geschlechtersensible Medizin an Universitäten, die auch die Qualität der Lehre sichern.

Die Daten der GewiAG-Studie sind umfangreich und adressieren weiter Themen wie z. B.:

  • Lehrformate und Unterrichtsmaterialien, die zur Vermittlung geschlechtersensibler Lehrinhalte genutzt werden
  • Umfang der inhaltlichen Integration von geschlechtersensiblem Wissen unter Berücksichtigung der Diversitätsaspekte
  • das Thema Prüfungsrelevanz und Evaluation
  • Begünstigende Faktoren, die den Implementierungsprozess unterstützen können
  • Hürde bei der Implementierung wie der Mangel an Unterrichtsmaterialien zur Verwendung für die Lehrkräfte

und gibt einen Ausblick, wie die Interprofessionalität der drei großen Gesundheitsberufe genutzt werden kann.

Das Gutachten mit Kurzbericht ist veröffentlicht. Sie finden die beiden Publikation unter:


< Aktueller
Stand der Integration von Aspekten der Geschlechtersensibilität und des Geschlechterwissens in Rahmenlehr- und Ausbildungsrahmenpläne, Ausbildungs-konzepte, -curricula und Lernzielkataloge für Beschäftigte im Gesundheitswese
(PDF-Download links: 89 Seiten)

Link zur Publikationsseite beim Bundesgesundheitsministeriums:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen/gesundheit/details.html?bmg%5Bpubid%5D=3490

Zum KURZBERICHT des BMG-geförderten Forschungsvorhabens
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/publikationen/gesundheit/details.html?bmg%5Bpubid%5D=3491